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Das Niedrigwasser der Oder im Sommer/ Herbst 1911
Abb. 1: Niederschlagsverteilung im Odergebiet im Sommer 1911 (Juni bis August) im prozentualen Vergleich zum langjährigen Mittel; aus [3] (Kartenausschnitt; Gewässernetz der Oder hervorgehoben und beschriftet)
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Hydrometeorologische Situation
Der milde Winter 1910/11 brachte im Odergebiet meist überdurchschnittliche Niederschläge. Das Winterhochwasser ereignete sich bereits im Februar. Nach einer Trockenperiode im März-April verursachten im Mai heftige Regenfälle im Oderquellgebiet ein weiteres Hochwasser, das unterhalb von Wrocław (Breslau) schnell verflachte. Die Niederschläge im mittleren und unteren Odergebiet blieben im April und Mai unterdurchschnittlich. Vom 24. Mai bis 9. Juni trat eine zweite Trockenperiode auf. Der Juni war insbesondere im Mittelgebirge zu trocken, dort fielen nur etwa 50% des langjährigen Niederschlagsmittels für diesen Monat. Im Juli gelangte Norddeutschland unter den Einfluss eines Azorenhochs, das zunächst im Westen zu hohen Temperaturen führte. Mitte Juli wurde das Hoch kurzzeitig von einem nordischen Tiefdruckgebiet nach Süden verdrängt, womit aber keine ergiebigen Niederschläge einhergingen. In Norddeutschland traten in der Spanne vom 4. - 16. Juli, 20. Juli - 15. August und 24. August bis 14. September weitere Trockenperioden auf. Der Niederschlagsmangel im Juli wurde im August noch übertroffen, in dem vielerorts weniger als 25 mm Regen fielen. Einen Überblick über die Höhe des sommerlichen Niederschlagsdefizits im Odergebiet gibt Abb. 1. Die Phase unterdurchschnittlicher Niederschläge erstreckte sich meist bis einschließlich Oktober, vor allem an der unteren Oder auch noch über den November. [1] bis [4]
Die Trockenheit wurde von außergewöhnlich hohen Temperaturen begleitet. Vom 20. Juli bis 13. August lag die Lufttemperatur in Görlitz, Wrocław (Breslau), Frankfurt/Oder und Poznań (Posen) im Durchschnitt 4-5 °C höher als im langjährigen Mittel für diesen Zeitraum. Die Höchsttemperaturen erreichten in Wrocław (Breslau) und Frankfurt/Oder fast 35 °C, in Zielona Góra (Grünberg) sogar 36 °C. [2]
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Abb. 2: Durchflussminima an ausgewählten Pegeln von Oder und Warta (Warthe) in den Niedrigwasserjahren 1904 und 1911 (nach [4])
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Ablauf des Niedrigwassers
An der mittleren und unteren Oder wurde das mittlere Niedrigwasser (1896/1910) erstmalig Mitte bis Ende Juli unterschritten. Die niedrigsten Durchflüsse traten in der zweiten August- und ersten Septemberhälfte auf, zwischenzeitlich unterbrochen von einem leichten Wiederanstieg des Wasserstandes. Die absolut niedrigsten Durchflüsse ereigneten sich an den meisten Pegeln im September. Die Extremwerte lagen je nach Pegel noch 1-24 m³/s über den Durchflussminima des Niedrigwasserjahres 1904, wie Abb. 2 verdeutlicht. An der Warta (Warthe) erreichten die Durchflüsse im Jahr 1911 so geringe Werte, wie sie bis dahin noch nie gemessen wurden. Bis zum Ende des hydrologischen Jahres blieben die Wasserstände an der mittleren und unteren Oder bis Schwedt unter dem mittleren Niedrigwasser. Erst im November/Dezember stiegen Wasserstand und Durchfluss wieder deutlich an. Das Niedrigwasserereignis von 1911 erstreckte sich damit über einen wesentlich längeren Zeitraum als im Jahr 1904. [4]
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Schadensbilanz
Im Jahr 1911 war die Schifffahrt oberhalb von Wrocław (Breslau) mit voller Ladung nur an 90 Tagen möglich, unterhalb waren es 108 Tage. Auf der Oder bei Wrocław (Breslau) hatte die Schifffahrt über 120 Fehltage zu verzeichnen. Für den Zeitraum 1911 bis 1926 wurden die Jahre 1911 und 1921 aufgrund des extremen Niedrigwassers als "schlimmste Jahre" für die Schifffahrt bezeichnet. [5][6]
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Abb. 3: Chlorid-Konzentration und Keimgehalt des Oderwassers bei Wrocław (Breslau) im Vergleich zum Wasserstand am Pegel Popowice (Pöpelwitz) von April 1911 bis März 1912 (Monatsmittelwerte anhand täglicher Analysen bzw. Beobachtungen; Daten aus [4][5][8][10])
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Stoffliche und hygienische Belastung
Analysen zur Wasserbeschaffenheit und Keimbelastung der Oder während des Niedrigwassers 1911 wurden vom chemischen Untersuchungsamt der Stadt Wrocław (Breslau) vorgenommen. Wie aus Abb. 3 hervorgeht, traten die höchsten Chlorid-Konzentrationen während der extremen Niedrigwasserphase im Sommer und Herbst auf. Die größten Keimzahlen stellten sich dagegen - wie auch in anderen Jahren - erst im Winter ein. [8][10]
Am 12. November 1910, 5. August 1911 und 20. Juli 1912 wurde je eine Wasserprobe aus der Strommitte der Oder oberhalb und unterhalb der Stadt Wrocław (Breslau) entnommen, wobei zur Zeit der Probenahme im Jahr 1910 ein hoher und in den Folgejahren ein niedriger Wasserstand vorlag. Die Analyse der Wasserbeschaffenheit der Proben ließ innerhalb der jeweiligen Jahre keine bedeutenden Unterschiede erkennen. 1911 und 1912 wiesen sowohl die Chlorid-Konzentrationen (71-75 mg/l) als auch der als Maß für die organische Belastung bestimmte Kaliumpermanganatverbrauch (64-73 mg/l) des filtrierten Oderwassers bei allen vier Proben auf eine stärkere anthropogene Verunreinigung hin, deren Quelle also oberhalb der untersuchten Flussabschnitte zu suchen war. Im August 1911 erreichten die aus filtriertem Oderwasser gewonnenen Analysedaten gegenüber den Werten vom November 1910 ein wesentlich höheres Niveau und übertrafen auch in fast allen Fällen die Werte vom Juli 1912. [10]
Weitere Analysen des Oderwassers bei Wrocław (Breslau) im Spätsommer und Herbst 1911 erbrachten noch höhere Werte des Kaliumpermanganatverbrauchs. Am 29. August wurden 78 mg/l gemessen, der Jahresspitzenwert betrug 95 mg/l (filtrierte Proben). Die wöchentliche Beprobung der Oder bei Wrocław (Breslau) im Jahr 1913 hatte dagegen maximal 73 mg/l Kaliumpermanganatverbrauch zum Ergebnis. [9]
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