Niedrigwasserereignisse im Wesergebiet: Das Niedrigwasser im August / September 1911

Hydrometeorologische Situation

Niederschlag Wesergebiet 1911
Abb. 1: Niederschlagsverteilung im Wesergebiet von April bis September 1911 im prozentualen Vergleich zum langjährigen Mittel (aus [11], Ausschnitt; Wesergewässernetz hervorgehoben)

Nach einem milden und schneearmem Winter waren Frühjahr und Sommer des Jahres 1911 durch mehrere aufeinanderfolgende Trockenperioden gekennzeichnet. Eine erste Trockenperiode begann Mitte März und wurde Ende April durch teils ergiebige Niederschläge beendet. Der Mai war überwiegend trocken. Von Ende Mai bis Mitte Oktober folgten weitere lediglich durch kurze Regenepisoden unterbrochene Trockenperioden. Vielfach fiel in den Trockenperioden zehn oder mehr Tage hintereinander kein Regen. An der Wetterstation Fulda gab es im August fünf Tage mit Regen, es wurde eine Niederschlagssumme von 7,6 mm registriert. Vom 15.7. bis 14.9. betrug die Niederschlagssumme in Fulda lediglich 27,6 mm. Der größte Teil des Wesereinzugsgebiets erhielt in den sechs Monaten von April bis September 1911 weniger als die Hälfte der langjährigen durchschnittlichen Niederschlagsmenge, im restlichen Einzugsgebiet wurden 50 - 75 % des Durchschnittswerts erreicht (Abb. 1).
Juli und August 1911 waren außergewöhnlich warm. Zwischen dem 22. Juli und dem 14. August gab es im Binnenland eine ununterbrochene Folge von Sommertagen (Tagesmaximum von 25 °C und mehr). Am 23.7.1911 wurden Spitzenwerte der Temperatur mit 36,4 °C in Hannover und 35,2 °C in Kassel gemessen. [3][4][6][11]

Ablauf des Niedrigwassers

Durchflussverlauf Niedrigwasser 1911
Abb. 2: Durchflüsse (Tagesmittelwerte: 01.07.-31.10.1911) an ausgewählten Weserpegeln

Aufgrund der langen Trockenheit verminderte sich die Wasserführung der Weser von Anfang Mai bis in den Spätsommer fast kontinuierlich. An den größeren Flüssen im Wesergebiet wurde im August / September an fast allen Pegeln der bisher bekannte niedrigste Wasserstand unterschritten. Der kleinste Durchfluss am Oberweserpegel Hannoversch-Münden wurde bereits am 21. und 23. August ermittelt. An den übrigen in Abbildung 2 dargestellten Weserpegeln trat das Durchflussminimum erst Mitte September auf (Pegel Bodenwerder: 12.09., Pegel Vlotho: 13.09. bis 15.9 sowie 19.09., Pegel Intschede: 13.09.). Der Niederschlag in der zweiten Septemberhälfte / Anfang Oktober war nicht ergiebig genug, um die Wasserführung wieder erheblich zu verstärken (Abb. 2). Auch wenn sich im weiteren Jahreslauf kein extremes Niedrigwasser mehr einstellte, dauerte es bis in die zweite Dezemberhälfte, bis an der Weser wieder Mittelwasser überschritten wurde. [7]

Schadensbilanz

Die sich durch Abwassereinleitungen während des Niedrigwassers einstellende hohe Salzkonzentration der Weser (s.u.) führte im Sommer und Herbst 1911 in der auf Flusswasser angewiesenen Stadt Bremen zu Trinkwasserversorgungsproblemen. Zu dieser Zeit wird aus dem oberen Wesergebiet von Fischsterben berichtet, insbesondere an der Werra unterhalb der Abwassereinleitungen der Kali-Industrie. Durch die Trockenheit erlitten Landwirtschaft und Wasserkraftbetreiber Verluste. Die Schifffahrt auf der Oberweser musste bei Hannoversch-Münden vom 15. Juli bis 2. Oktober niedrigwasserbedingt unterbrochen werden, bei Höxter, Holzminden und Hameln war der Schiffsverkehr von Juli bis November eingeschränkt, bei Rinteln vom 22. April bis 24. November. Auch an der Mittelweser wurde die Schifffahrt aufgrund des Niedrigwassers beeinträchtigt. Bei Nienburg konnte sie im Juli nur stark reduziert aufrecht erhalten werden, auf Flussabschnitten bei Thedinghausen ruhte der Schiffsverkehr zeitweise auch vollständig. [1][2][5][9]

Stoffliche Belastung

Wasserbeschaffenheit Weser 1911
Abb. 3: Chlorid- und Sulfatkonzentration des Weserwassers bei Verden (oberhalb der Allermündung) und bei Bremen von Oktober bis Dezember 1911 im Vergleich zum Durchfluss (Tagesmittelwerte) (nach [8][9][10] )

Im Sommer und Herbst 1911 traten in den durch Abwässer aus der Kali-Industrie belasteten Flüssen im Wesergebiet bis dahin nicht erreichte Salzkonzentrationen und Wasserhärten auf. An der mittleren Werra bei Creuzburg (unterhalb des Werra-Kalireviers) wurden im August / September bis zu 2308 mg/l Chlorid und eine Wässerhärte bis 62,8 °dH (= 11,2 mmol/l) gemessen, an der unteren Werra bei Hannoversch-Münden waren es bis zu 1740 mg/l Chlorid und 50 °dH (= 8,9 mmol/l). Durch den Zustrom der Fulda und weiterer nicht durch salziges Abwasser belasteter Weserzuflüsse verringerten sich Salzkonzentration und Wasserhärte in der Weser deutlich und nahmen mit zunehmender Entfernung von der Werramündung weiter ab. Dennoch wurden auch für die Weser bisher unbekannte Belastungen erreicht. Wie Abb. 3 zeigt, traten im Spätsommer und Herbst 1911 in der Weser bei Verden Spitzenkonzentrationen über 400 mg/l Chlorid und rund 230 mg/l Sulfat auf. Anhand der wesentlich dichteren Analysendaten für das Weserwasser bei Bremen (Abb. 3) wird die grundsätzlich gegenläufige Tendenz der Salzkonzentration zur Wasserführung deutlicher, die aber auch von unregelmäßigen Salzeinleitungen beeinflusst wurde. Im September 1911 wurden in der Weser bei Bremen eine Chloridspitzenkonzentration von fast 400 mg/l, ein Konzentrationsmaximum des Sulfats von 165 mg/l und eine maximale Wasserhärte von 22 °dH (= 3,9 mmol/l) ermittelt. [8][9][10]

Quellen, Literatur, Berichte

  • [1] Anonymus (1911): Fischsterben in der Weser. - Allgemeine Fischerei-Zeitung 36 (18): 396, München
  • [2] Eberts (1912): Die Kaliindustrie im Werratale und ihr Einfluß auf die Fischerei. - Allgemeine Fischerei-Zeitung 37 (8/9): 198-202, 225-230, München
  • [3] Kaßner, C. (1912): Der heiße und trockene Sommer 1911 in Norddeutschland: 2. Die Niederschlagsverhältnisse. - In: Bericht über die Tätigkeit des Königlich Preußischen Meteorologischen Instituts 1911: 105-109, Berlin
  • [4] Schwalbe, G. (1912): Der heiße und trockene Sommer 1911 in Norddeutschland: 1. Die Temperaturverhältnisse. - In: Bericht über die Tätigkeit des Königlich Preußischen Meteorologischen Instituts 1911: 96-105, Berlin
  • [5] Kaiserliches Statistisches Amt (1913): Verkehr und Wasserstände der deutschen Binnenwasserstraßen im Jahre 1911. - Statistik des Deutschen Reichs 255 (I+II), Berlin
  • [6] Kaßner, C. (1913): Ergebnisse der Niederschlags-Beobachtungen im Jahre 1911. - Veröffentlichungen des Königlich Preußischen Meteorologischen Instituts 259: 1-154, Berlin
  • [7] Preußische Landesanstalt für Gewässerkunde (Hrsg.) (1913): Jahrbuch für die Gewässerkunde Norddeutschlands. Abflußjahr 1911. - Berlin
  • [8] Vogel, J.H. (1913): Die Abwässer aus der Kaliindustrie, ihre Beseitigung sowie ihre Einwirkung in und an den Wasserläufen. - Verl. Gebr. Borntraeger: I-XI, 1-591, Berlin
  • Halbfaß, W. (1915): Die Wasserklemme in Nord- und Mitteldeutschland während des Sommerhalbjahres 1911. - Naturwissenschaftliche Wochenschrift N.F. 14 (7): 104-105, Jena
  • [9] Tjaden, H. (1915): Die Kaliindustrie und ihre Abwässer mit besonderer Berücksichtigung des Weserstromgebiets. - Verl. Gebr. Borntraeger: I-VII, 1-365, Berlin
  • [10] Vogel, J.H. (1916): Fünfjährige Untersuchungen von Aller- und Weserwasser. - Kali 10 (15): 225-237, Halle/S.
  • Fischer, K. (1932): Niederschlag, Abfluß und Verdunstung im Weser- und Allergebiet. - Jahrbuch für die Gewässerkunde Norddeutschlands. Besondere Mitteilungen 7 (2): I-VI, 1-129, 12 Taf., Berlin
  • [11] Grunow, J. (1935): Die Wasserklemmen der Norddeutschen Ströme in den Jahren 1891-1930. - Forschungen zur Deutschen Landes- und Volkskunde 31 (2): 1-74, Stuttgart
  • Dohmann, J. (2007): Untersuchung von Niedrigwasserperioden an der Weser von 1830 bis 2005. - Diplomarbeit. Universität Göttingen (Geograph. Inst.): I-VII, 1-101, Anh., Göttingen

  • Otto Reutter: Die große Hitze vom Jahre 1911 (Cuplet)   Text | Musik via YouTube