Hochwasserereignisse im Elbegebiet: Das Junihochwasser 2013

Hydrometeorologische Situation

Gebietsniederschlag (24h-berechnet) Elbegebiet
Abb. 1: Gebietsniederschlag (24h) Elbegebiet bis 2.6.2013, 6:00 Uhr

Die Großwetterlagen "Trog Mitteleuropa" und "Tief Mitteleuropa" bestimmten vom 22.5.-28.5. bzw. vom 29.5.-2.6. das Wettergeschehen im Elbegebiet. Mit dem "Trog Mitteleuropa" breitete sich von Nordwesten her kalte Polarluft aus. Insbesondere im Norden und in der Mitte Deutschlands kam es zu Starkregen. Um das nachfolgend bestimmende bodennahe Tiefdruckgebiet über dem östlichen Mitteleuropa herum strömte feucht-warme Luft aus dem östlichen Mittelmeerraum ein. Diese Luftmassen glitten wolken- und niederschlagsbildend (z. T. durch Staueffekte an den Gebirgen verstärkt) auf die vorhandene Kaltluft auf und führten insbesondere im Süden und Südosten Deutschlands sowie im Westen der Tschechischen Republik zu kräftigem Dauerregen. Vom 30. Mai bis 2. Juni fielen großräumig sehr ergiebige Niederschläge. In Sachsen und Thüringen erreichte die Niederschlagssumme dieser 4 Tage im Bergland ca. 200 l/m².
Der insgesamt sehr feuchte Mai 2013 führte zum Monatsende zu historisch hohen Werten der Bodenfeuchte (seit Beginn der Messungen in der 1960er Jahren) und einer entsprechend hohen Abflussbereitschaft. [2][3][4][5][6][7]

Ablauf des Hochwassers

Durchflussverlauf Hochwasser 2013
Abb. 2: Durchflüsse (Tagesmittelwerte: 25.5.-5.7.2013) an ausgewählten Pegeln der Elbe und der Nebenflüsse

Der großräumige Dauerregen Ende Mai / Anfang Juni 2013 gelangte auf Böden mit hoher Vorfeuchte schnell zum Abfluss. Die aus dem Riesengebirge zufließende Hochwasserwelle der oberen Elbe wurde durch die hochwasserführenden Hauptzuflüsse Moldau (vollständige Scheitelüberlagerung), Mulde und Saale (teilweise Wellenüberlagerung) stark aufgehöht. An der oberen Elbe wurden die Höchstwerte des Augusthochwassers 2002 nicht erreicht. Für die Weiße Elster, Saale und die Elbe unterhalb von Wittenberg wurden neue Wasserstandshöchstwerte seit Beginn regelmäßiger Pegelaufzeichnungen registriert.
Die Steuerung der Talsperren / Hochwasserrückhaltebecken im tschechischen Einzugsgebiet sowie in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt konnte Spitzenzuflüsse reduzieren und zeitlich verschieben. Zahlreiche Talsperren nutzten auch den außergewöhnlichen Hochwasserrückhalteraum bis zur Hochwasserentlastung. Flutungspolder wurden gezielt zur Kappung von Hochwasserscheiteln eingesetzt. So wurden ab dem 3.6. der Auenwaldpolder bei Leipzig mit dem Wasser der Weißen Elster geflutet (Entlastung für den Großraum Leipzig und die Stadt Halle) und ab 9.6. die Havelpolder mit Elbewasser (Entlastung für die Stadt Wittenberge und weitere Unterlieger). Neben kleineren Deichbrüchen/-überströmungen an Weißer Elster, Mulde, Elbe und Schwarzer Elster gab es drei große Deichbrüche mit ganz erheblichen Auswirkungen: am 3.6. an der Mulde im Bereich der Landesgrenze Sachsen/Sachsen-Anhalt mit Flutung des Seelhausener Sees; am 9.6. an der Saale bei Breitenhagen kurz vor der Saalemündung; am 10.6. an der Elbe bei Fischbeck.
An der Elbe erreichte der Scheitel der Hochwasserwelle den Pegel Dresden am 6.6. und passierte Wittenberg am 8.6.. Die Scheitel von Mulde und Saale liefen dem Elbescheitel 5 bzw. 2 Tage voraus, so dass es zu einer teilweisen Wellenüberlagerung und weiteren Aufhöhung der Elbe kam. Der Hochwasserscheitel der Saale war außergewöhnlich hoch und langgestreckt. Am Pegel Magdeburg-Strombrücke lag am 9.6. der neue Wasserstandshöchstwert von 747 cm beachtliche 62 cm über dem bisherigen (eisfreien) Höchstwert des Elbehochwassers 1845. Die kontrollierte Flutung der Havelpolder und der Deichbruch bei Fischbeck reduzierten die Wasserführung der Elbe an den unterhalb der Havelmündung befindlichen Pegeln Wittenberge und Neu Darchau erheblich. [1][2][3][4][6][7][8][10][11]

Schadensbilanz

Deichbruch bei Fischbeck, Foto: Havariekommando
Abb. 3: Deichbruch bei Fischbeck am 10. Juni 2013 (Foto: Havariekommando)

Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen waren am schwersten vom Hochwasser betroffen. Durch den Bruch des Saaledeiches bei Breitenhagen wurde eine Fläche von ca. 85 km² überschwemmt. Im Salzlandkreis (Sachsen-Anhalt) am Elbe-Saale-Winkel waren zwei Tote und 11 Verletze zu beklagen, etwa 4500 Personen mussten evakuiert werden, fast 4300 Wohnhäuser wurden beschädigt.
In Sachsen waren etwa 13000 Wohnhäuser von den Fluten betroffen, ca. 33700 Menschen wurden evakuiert. Am 3.6. waren in Sachsen mehr als 17000 Einsatzkräfte (Feuerwehr, Rettungsdienste, Polizei, THW, Bundeswehr) sowie viele freiwillige Helfer im Hochwassereinsatz
Das Hochwasser verursachte erhebliche Schäden an der Infrastruktur. So wurde z. B. die ICE-Strecke Hannover-Berlin durch die Überschwemmung nach dem Deichbruch bei Fischbeck (ca. 150 km² überschwemmte Fläche, Abb. 3) über mehrere Kilometer beschädigt und musste gesperrt werden. Dies führte etwa 5 Monate zu Verspätungen und Umleitungen. Vereinzelt wurden Kläranlagen überflutet (z. B. Meißen - Elbe, Frankenberg - Zschopau, Zwickau - Zwickauer Mulde, Crimmitschau - Pleiße). Hochwasserschäden traten auch an Brücken, ufernahen Wegen und Straßen, landwirtschaftlichen Flächen, wasserwirtschaftlichen Anlagen (Deiche, Hochwasserschutzmauern, Schöpfwerke) und Messeinrichtungen (Pegel, Gütemessstationen) auf.
Die Schifffahrt auf der Saale, der oberen und mittleren Elbe, der Havel und dem Elbe-Seitenkanal war hochwasserbedingt stark eingeschränkt. Zeit- und abschnittsweise wurden Schifffahrtssperren wegen Überschreitung des höchsten schiffbaren Wasserstandes (HSW) und Hindernissuche/-beseitigung angeordnet: Elbe (WSA Dresden: 2.-27.6.2013, WSA Magdeburg: 4.-24.6.2013; WSA Lauenburg: 9.-20.6. 2013), Saale (27.5.- 4.7.2013), Havelmündung (12.-24.6.2013), Elbe-Seitenkanal (9.-19.6.2013).
Die Schäden im deutschen Elbeeinzugsgebiet (ohne Schäden des Bundes) summieren sich auf ca. 5,2 Milliarden Euro (vorläufige Angaben). [7][8][9][12][13][14][15][19]

Stoffliche und hygienische Belastung

Frachtschätzung 3.-20.6.2013 vs. Jahresfracht 2012
Abb. 4: Frachtschätzung 3.-20.6.2013 für Schwermetalle und Arsen im Vergleich zur Jahresfracht 2012 (aus [2])

Als Resultat der Rückflüsse sauerstoffarmen Wassers aus den gefluteten Havelpoldern traten Ende Juni in der Havel zeitweise fischkritische Sauerstoffkonzentrationen auf (Minimum am 29.6.: 1,7 mg/l O₂).
Die Belastung von Wasser und Schwebstoff wurde mit dem Messprogramm Extremereignisse an abgestimmten Messstellen an Elbe, Mulde, Saale und Havel untersucht. Die Höchstkonzentrationen von Blei, Quecksilber und Arsen waren an mehreren Messstellen höher als im Vorjahr und zum Teil höher als bei den Hochwasserereignissen 2002 / 2006. Stark erhöhte Konzentrationen organischer Spurenstoffe wurden an folgenden Messstellen im Schwebstoff festgestellt: Wittenberg (α-, β-, δ-HCH und p,p'-DDE), Dessau-Mulde (p,p'-DDD), Magdeburg (α-, β-, γ-, δ-HCH), Seemannshöft (p,p'-DDT, Dibutylzinn, Mono- und Dioctylzinn).
Das Junihochwasser 2013 war mit dem Transport erheblicher Schadstofffrachten verbunden. So übertraf die für den Zeitraum 3.-20.6.2013 geschätzte Fracht für Cadmium und Blei in Schmilka/Bad Schandau sowie für Quecksilber und Blei in Dessau-Mulde die jeweilige Fracht des gesamten Jahres 2012 (Abb. 4).
Im Nachgang des Hochwassers wurden die Havelpolder mit einem Bodenuntersuchungsprogramm stichprobenartig untersucht. Es gab keine relevanten Ablagerungen aus sedimentierten Schwebstoffen und keinen signifikanten Eintrag von Schwermetallen, Arsen und organischen Schadstoffen.
Zu Beginn des Hochwassers traten an Elbe, Mulde und Saale erhöhte Werte für Escherichia coli, dem Standardindikator für fäkale Verunreinigungen, auf. An der Messstelle Rosenburg, Saale, erreichte E. coli nach dem Hochwasserscheitel für einige Tage sehr hohe Werte, die auf die Überflutung von Kläranlagen und Pumpwerken zurückgeführt wurden. [1][2][16][17][18]

Quellen, Literatur, Berichte

Übersichtsdarstellungen / Monographien
Hydrometeorologie, Hochwasserablauf
Hochwasserschäden
Stoffliche und hygienische Belastungen
Karten, Satellitenbilder, Chronik, Fluthilfe